Artikel vom 17. Mai 2020
Als ich mein Rebound-Stuff-Projekt begann, habe ich natürlich auch gegoogelt, ob es so etwas schon gegeben hat, also ob Menschen ohne Neuware gelebt haben.
Und ja, es hat so einige gegeben. Vor allem sind es viele gewesen, die versucht haben, Konsum zu minimieren. Einige wie ich, die es ein Jahr lang gemacht haben. Auffällig war, dass bei dem Versuch, Konsum zu minimieren, oft eine absolute Regel festgelegt wurde: Kaufvermeidung – sie haben versucht, gar nichts zu kaufen. Dinge, die sie gebraucht haben, wurden geliehen oder ertauscht. Eine Organisation, die mir besonders aufgefallen war, ist genug.org. Schon im Februar hatte ich mich mit Christiane, der Initiatorin der Organisation, getroffen, um mir ihre Geschichte anzuhören und eventuell ein paar Tipps für das Jahr abzustauben. Gegen ihr Vorhaben gehört mein Projekt eher in die Kategorie: netter Zeitvertreib. Sie hat nämlich sechs Jahre ohne irgendetwas zu kaufen gelebt und gründete sogar einen Verein für ihre Idee. Am 5.02. traf ich sie in einer Pizzeria in Neukölln.

Christiane Schwausch, Mitgründerin von genug.org
Wie ist es dazu gekommen, dass du den Entschluss gefasst hast, nichts mehr zu kaufen?
Wir, also Ben Toussaint und ich, haben beide im entwicklungspolitischen Kontext gearbeitet und wahrscheinlich aus dem gleichen Beweggrund mit diesem Projekt begonnen. Wir waren täglich mit dem umgeben, was in anderen Ländern passiert, was dort gemacht wird und was die Menschen dort zum Leben zur Verfügung haben. Man kann nicht übersehen, wie, ja fast imperial, der Konsum vom Westen dirigiert wird und die Produktion und alles andere in solchen Ländern diesem Diktat folgt. Es wird produziert, was wir im Westen brauchen. Natürlich möglichst billig, und das wird dann um die ganze Welt geschifft. In mir entstand dieses Gefühl, dass egal was ich mache, ich immer etwas „Blut“ an den Händen habe. Und da ist das schlechte Gewissen vorprogrammiert. Meine Lösung in dem Moment war es, den Entschluss zu fassen, einfach mal ein Jahr bei diesem Spiel nicht mehr mitzumachen und nicht zu konsumieren. Ich wollte mir ein Jahr Pause gönnen von dem ständigen schlechten Gewissen und auch schauen, ob der ganze Konsum nötig ist oder ob es auch genauso gut ohne geht. Wir haben dann zu zweit dieses Projekt begonnen.
Und wie kam es dazu, dass dir dann so viele gefolgt sind?
Ich habe einer Freundin davon erzählt. Die war eher erstaunt und stellte viele Fragen. Wir unterhielten uns dann eine ganze Weile darüber, so zwischen Tür und Angel draußen im Winter. Sie meinte dann, ich müsse da eine Kampagne oder etwas Ähnliches daraus machen, weil meine Beweggründe gute Denkanstöße für andere sein können. Also haben wir bei Facebook eine Gruppe erstellt und ein paar Freunde eingeladen, mitzumachen. Das war in der Weihnachtszeit 2013. Mit Photoshop haben wir, eher schlecht als recht, einen Adventskalender gebastelt, der Leute inspirieren sollte, mitzumachen. Anfang 2014 waren die Leute dann inspiriert genug, mitmachen zu wollen. Auf einmal waren es tausend Leute.
Woran denkst du lag es, dass so viele Leute mitmachen wollten?
Ich denke, es hat den Nerv der Zeit getroffen. Das war gerade noch vor dem Hype um Minimalismus und Leute beschäftigen sich zum Neujahr aber gerade mit solchen Grundsatzfragen. Nach Weihnachten ist man auch etwas überwältigt von dem ganzen Konsum.
Ich habe dann bei FB weiter Informationen eingespielt und das hat den Leuten gefallen. Ich wollte, dass die Leute während des Jahres auch etwas Programm haben und kleine Zwischen-Challenges. Aber generell war der Erfolg wohl, dass es klare Regeln gab und ein Jahr ein überschaubarer Zeitrahmen war.
Hattet ihr damals das Ganze schon wie ein Gesellschaftsspiel aufgebaut?
Ja, wir wollten es etwas spielerisch gestalten und über Facebook auch neue Informationen aus dem Bereich teilen. Wir haben relativ schnell ein hohes Interesse bemerkt.
Hier die Regeln für euch:
Regeln:
Ganz einfach: Ab dem 1.1. wollen wir – als wirklich guter Vorsatz für’s neue Jahr – 365 Tage lang auf das Kaufen von „Zeug“ verzichten. Stattdessen wollen wir leihen, tauschen, finden, reparieren und upcyclen.
Mit „Zeug“ meinen wir Gebrauchsgüter, also in der Regel Anschaffungen, die für einen längeren Zeitraum getätigt werden und die, abgesehen von Abnutzungserscheinungen, ihre Form nicht verändern (Klamotten, Handy, Möbel).
Mit „Zeug“ meinen wir nicht Verbrauchsgüter, also Güter, die durch Benutzung aufgebraucht werden (Essen, Trinken, Shampoo). Dies ist kein Hungerstreik.
Spielausnahmen
Waaas? Ein ganzes Jahr lang keinen einzigen Gegenstand kaufen?
Nicht ganz! Jedem stehen zwei Joker zur Verfügung. Die kann man ziehen, muss man aber nicht. Wahrscheinlich ist es gut, sie für „Notfälle“ aufzuheben. Der Kauf von zwei Gegenständen ist also erlaubt; Größe und Preis spielen dabei keine Rolle.
Also ihr habt das richtig als Community aufgezogen?
Ja, aber der Austausch war eher gering. Die Leute haben gelesen und geteilt, aber das Engagement war eher gering. Allerdings habe ich ein paar direkte Nachrichten bekommen.
Kontrolliert da jemand, wer in dem Jahr mitmacht und wisst ihr, wie viele da mitmachen?
Nein. Aber am Anfang haben viele mit uns angefangen oder uns begleitet. Wir haben dann später sogar von Leuten gehört, die das vier Jahre durchgezogen haben, die uns während dieser Zeit weder online noch offline je begegnet sind. In Hessen war eine Dame sehr engagiert, die ist uns erst aufgefallen, als sie über das Projekt Interviews bei Zeitungen gegeben hat.
Machen viele Berliner mit?
Nein. Ich würde sagen eher nicht so „groß-urban“. Häufig Frauen zwischen 25–45 in kleineren Städten.
Also Fridays for Future ist noch nicht bei euch angekommen.
Nein.
Bei euch ist Gebrauchtes kaufen ja nicht erlaubt. Also ich wäre bei euch schon ganz raus.
Ja, bei „dem Jahr ohne Zeug“ hat man zwei Joker-Käufe, aber ansonsten darf man wirklich nichts kaufen. Wenn man kaufen muss, dann so nachhaltig wie möglich, und das wäre dann gebraucht kaufen. Meinen Laptop habe ich mit einem Joker gebraucht gekauft.
Und wie lange hast du das durchgezogen?
Sechs Jahre. Nach sechs Jahren steht man dann auch vor gewissen Hürden. Ich z. B. brauchte dringend Unterwäsche. Die habe ich mir dann gekauft, als ich aufgehört habe. Dafür hätte ich aber nie einen Joker verwendet.
Hast du in 6 Jahren keine Unterwäsche gekauft?
Nein. Gute Unterwäsche ist langlebig.
Also war die Unterwäsche der Grund, weshalb du aufgehört hast?
Nein, es war wegen eines gebrauchten Regals. Ich brauchte eins und ich hätte keins so bauen können, dass es meinen Ansprüchen genügt hätte. Nach sechs Jahren habe ich also aufgehört mit den strengen Regeln. Aber in diesen sechs Jahren habe ich mir so einige handwerkliche Fähigkeiten angeeignet. Vorher konnte ich z. B. nicht nähen. Und mein Blick für den Straßenrand hat sich geschärft.
Wie hast du das geregelt, wenn du wirklich etwas gebraucht hast?
Man hat ja die zwei Joker, wenn man etwas braucht. Da kann man sich ja schon überlegen, was einem wichtig ist, und man kann die Regeln für seine eigenen Bedürfnisse ja etwas aufweichen.
Und dann habt ihr einen Verein gegründet. Wie kam es zu der Entscheidung?
Wir, Ben und ich, sind beide politisch aktiv. Als Einzelperson hast du aber Grenzen in dem, was du bewegen kannst. Wir wollten eine Struktur haben und eventuell Fördergelder beantragen.
Du hast gerade das Wort Suffizienz verwendet. Was meinst du damit?
Mit Suffizienz meine ich, dass wir überdenken müssen, was wir tun, nicht wie wir etwas tun. Nicht effizienter arbeiten, sondern vielleicht weniger arbeiten und weniger konsumieren.
Im Endeffekt ist Suffizienz die Frage: Wie viel ist genug?
Und jetzt mal ehrlich, gab es in den sechs Jahren keine Lust, etwas zu kaufen?
Ich habe das Gefühl, ja. Ich habe mich selten an Orte begeben, wo es um Konsum ging.
Was möchtest du meinen Lesern mitgeben?
Teilt und tauscht mehr! Und ersetzt „kaufen“ mal für ein Weilchen durch „machen“ und „lernen“. Fangt bei euch selbst an und erzählt dann anderen davon.
