Laut Björn muss man nicht viel besitzen, um viel haben zu können

Artikel vom 31. Jan. 2020

Björn ist 35 Jahre alt und lebt seit sechs Monaten in Berlin. Eigentlich ist er Wirtschaftschemiker, derzeit arbeitet er als Sustainability Manager für Tier Mobility.

Björn kenne ich noch gar nicht so lange, aber er war der Erste, der mich anschrieb und sagte: „Ich überlege, bei deinem Projekt mitzumachen.“ Fünf Minuten später fiel ihm aber leider ein, dass er ein neues Handy und einen Laptop braucht, und ich hatte meinen ersten Follower schneller wieder verloren, als ich mich freuen konnte.

Björn hatte auch ein Jahr lang einen Podcast: „Easy Impact Radio“, in dem er Tipps und Tricks für ein nachhaltigeres Leben gab und mit Menschen sprach, die einen positiven Einfluss auf unsere Welt haben wollen. Schon bevor ich mit dem Rebound Stuff Project startete, holte ich mir ein paar Tipps bei ihm.

Björn lebt mit sehr leichtem Gepäck – und das schon seit Jahren. Am 16. Tag meines Projekts saß ich dann mit ihm zusammen und habe mir von ihm erklären lassen, wie das alles so kam.

Björn, wie kam es zu dem Entschluss, alles zu verkaufen und deine Zelte abzubrechen?

Während meiner Zeit im Chemie-Großkonzern verfolgte ich Ziele wie Karriere und ein hohes Gehalt. Aber es war immer mein Ziel, genug zu sparen, um mir meinen Traum einer Weltreise zu erfüllen. Dafür hatte ich einen Großteil meiner Besitztümer verkauft. Elektronik und Kleidung habe ich bei meinen Eltern eingelagert.

Das war so das Ende meines „Besitzes“. Ich wollte reisen – und Besitz war dabei Ballast. Es war auch nichts besonders Wertvolles dabei, die Möbel stammten noch aus meiner Studentenzeit. Ab da lebte ich nur noch mit dem, was in einen 48-Liter-Rucksack passte.

Während der Reise hatte ich auch gar keinen Platz, Souvenirs oder andere Dinge zu kaufen und mitzunehmen. Dadurch ist man auch gar nicht mehr in Läden gegangen. Das war irgendwie befreiend. Shopping war kein Teil des Reisens mehr, und man konnte sich stärker auf die Kultur konzentrieren.

Alles, was ich unterwegs brauchte, habe ich mir geliehen. Zum Wakeboarden habe ich mir einfach einen Neoprenanzug und ein Board geliehen, zum Surfen ein Surfboard. Bei Wanderungen in Südostasien oder Mittelamerika kann man sich alles mieten – von Jacken bis hin zu Handschuhen. Einmal habe ich sogar einen Holzwanderstock gemietet.

Auch einen Neoprenanzug?

Ja, auch Neoprenanzüge. Auch wenn das zum Mieten wirklich nicht das Angenehmste ist. Aber wie jeder Tauchlehrer sagt:

„Ihr seid nicht die Ersten, die reinpinkeln – und ihr werdet nicht die Letzten sein.“

Bei der einen Weltreise ist es dann ja nicht geblieben, oder?

Nein. Als ich zurück war, habe ich zwar noch zwei Jahre im Konzern gearbeitet, mich aber nicht mehr wirklich in dieses Leben eingefügt. Ich habe dann gekündigt, mit dem Plan, mich selbstständig zu machen. Nachdem ich diese Pläne geprüft und wieder verworfen habe, bin ich erneut gereist.

Hast du dir nur auf Reisen Sachen gemietet?

Nein. Mit einem Freund habe ich eine Tour durch Deutschland zu verschiedenen Wakeboardanlagen gemacht. Wir wollten das mit einem Camper machen, aber keiner von uns hatte einen. Also haben wir uns über die Plattform Paul Camper einen Van gemietet.

Das Beispiel zeigt gut, dass Mieten auch eine Möglichkeit ist, Lebensstile oder Produkte zu testen.

Aber zurzeit wohnst du auch nicht in deiner eigenen Wohnung, oder?

Seit Anfang 2019 arbeite ich bei Tier Mobility und musste anfangs viel reisen. Deshalb habe ich mich trotz Festanstellung gegen einen festen Wohnsitz entschieden.

Später habe ich mir eine möblierte Wohnung zur Zwischenmiete in Berlin gesucht. Die Wohnung ist komplett ausgestattet – nur meine Kleidung und meine Boards gehören mir.

(ich unterbreche) Die kann man jetzt auch mieten – zumindest in Berlin, bei Lyght Living.

Ach, sieh an. Wusste ich noch nicht.

Was mietest du sonst noch?

Für meinen nächsten Trip nach Japan miete ich bei Grover eine Drohne und eine GoPro.

Oder du schaust mal bei Otto Now …

Ach, die vermieten jetzt auch? Das ist mir neu.

Und jetzt arbeitest du auch bei einem „Vermieter“?

Ja, ich arbeite bei Tier Mobility, einem Sharing-Anbieter für E-Scooter.

Gerade in Berlin kann man mittlerweile fast alles mieten – vom E-Scooter bis zum Wohnmobil. Ich nutze zum Beispiel Swapfiets.

Denkst du, das ist nur eine Phase?

Ich denke, es ist eher ein Lifestyle. Ich sammle lieber Erlebnisse als Besitz.

Was würdest du nicht mieten?

Dinge mit emotionalem Wert – die möchte man behalten.

Elf Tage nach dem Interview telefonierte ich noch einmal mit Björn. Er erzählte mir, dass er bei Grover Probleme mit dem Bestelllimit hatte und schließlich auf einen anderen Anbieter ausgewichen ist.

Björn, ich danke dir vielmals für das Interview und den Einblick in dein Leben mit wenig Besitz.