Artikel vom 25. Okt. 2020
Dieser Text hat diesmal nichts mit ReCommerce zu tun, sondern handelt von einer persönlichen Geschichte, die wohl auch dazu geführt hat, dass ich den Blog begonnen habe. Aus diesem Grund möchte ich sie gerne erzählen.
Während meines Praktikums 2008 lernte ich bei Puma einen Freund kennen. Eigentlich waren wir sehr unterschiedlich, aber eins hatten wir gemeinsam: Wir liebten es, über Marketing und Business-Ideen zu reden. Bis heute ist er der Einzige, mit dem ich je an einem gemeinsamen Businessplan saß.
Ich erinnere mich wie gestern an ein Gespräch mit ihm 2010, als er noch studierte. Er hatte nie Geld, weil er es meistens fürs Bergsteigen ausgab und er mir immer ein McDonald’s-Menü aus den Rippen leierte, mit Ausreden wie, er habe seinen Geldbeutel vergessen. Ich hatte gerade meinen Uniabschluss in der Tasche und wollte einige Monate nach Brasilien. An dem Abend saßen wir also mal wieder bei McDonald’s, ich mit meiner Cola und er mit seinem Menü. Irgendwie kamen wir an dem Tag über Stress, den er gerade wegen eines Mädchens hatte, auf den Film The Joneses, der in dem Jahr in die Kinos kam, zu sprechen. Ich glaube, sie hatten ihn zusammen gesehen. In dem Film ging es darum, dass vier Schauspieler vorgeben, eine Familie zu sein, um in einer Kleinstadt mehr Produkte bestimmter Marken an die anderen Bewohner zu verkaufen. Wir redeten über den Film, dann war er kurz still und sagte dann:
Doris, meine Schwester ist soo hübsch, soo beliebt und hat so viele Freunde bei Facebook. Sehr, sehr bald werden Firmen sie dafür bezahlen, ihre Produkte zu verwenden und zu empfehlen, weil jeder so sein will wie sie. Ich weiß nicht genau, wann das kommen wird, aber es wird kommen.
Ironischerweise launchte Instagram nur sechs Monate später.
Ich habe es damals Quatsch genannt. Okay, die „Joneses“ waren im Film Schauspieler und hatten keinen persönlichen Bezug zu den Leuten, denen sie die Sachen verkaufen. Aber wer würde seine Freunde und sein Umfeld so benutzen und verkaufen? Bei Facebook konnte ich mir das nicht vorstellen und das private Umfeld hatte keine Reichweite, also keine Relevanz, bei der sich das lohnen würde. Ich hatte damals keine Ahnung von der Macht, die Instagram entwickeln würde – und davon, dass es den Beruf Influencer geben würde.
Jetzt, zehn Jahre später, nach meiner Zeit in der Fast Fashion, während der Zeit, in der ich bedeutungslosem Konsum den Kampf angesagt habe, stolperte ich über das Amazon Influencer Program. Was das ist? Jeder mit einem Social-Media-Kanal und einer durchschnittlichen Followerzahl und Engagement kann nun Geld machen (bei Mode 11 % Provision), wenn man „Zeug“ an seine vermeintlichen „Freunde“ verkauft. So nennen viele Influencer nämlich ihre Follower in der direkten Ansprache.
WTF. Jetzt muss man nicht mal mehr Influencer sein, um Geld mit Empfehlungen zu machen. Jetzt kann ich mit meinen 500 Freunden theoretisch Geld damit verdienen, ihnen etwas zu verkaufen. Ziemlich schlau, Amazon – jeder ist nun ein Influencer.
Auch wenn es bei Amazon nicht nur Schrott zu kaufen gibt, haben wir nicht alle gelernt, dass eine Plattform, die so groß ist, auch die Kontrolle darüber verliert, was eigentlich über sie verkauft wird? Haben nicht erst Nike und Birkenstock ihre Produkte vom Direktverkauf auf der Plattform zurückgezogen, da es zu viele Plagiate gibt?
Bei Minute 6:10–6:28
Amazon ist in so vielen Punkten fragwürdig und ich empfinde das Influencer-Programm wie den Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt. Gott sei Dank ist es in Deutschland noch nicht so groß, aber ich empfehle euch: Wenn ihr jemanden seht, der es verwendet, kauft aus Prinzip nicht über den Link. Es darf nicht belohnt werden, gegen Geld jemandem etwas zu empfehlen, was man im Zweifel nicht selbst verwendet. Wenn Leute von einem Produkt begeistert sind, erzählen sie euch so oder so davon und lassen euch kaufen, wo ihr wollt.
Aber es gibt noch einen zweiten Teil dieser Geschichte. In den letzten sieben Jahren konnte ich mich mit diesem Freund nicht mehr über Business-Ideen austauschen. Leider verunglückte er 2013 beim Bergsteigen. Zu der Zeit arbeitete er gerade an einem Konzept, bei dem Leute Lebensmittel und Gerichte von ihren Lieblingsrestaurants bestellen können und Kuriere auf Fahrrädern sie ihnen bringen. Mit einer App wollte er sie alle vernetzen. Er hatte mit der Finanzierung und der Entwicklung erste Schritte gemacht. Verrückt, dachte ich damals! Wer wäre so faul, nicht mal mehr zum Supermarkt zu gehen?
Im gleichen Jahr launchte Deliveroo. 2020 wurde Gorillas innerhalb eines Jahres wegen Corona zum Unicorn.
Mein Kumpel war immer am Puls der Zeit und sah Dinge schon kommen, bevor ich sie sah. Was würde ich heute geben, ihn zu fragen, wie er mein Projekt findet, was er denkt, wohin sich der Primärmarkt und der Sekundärmarkt entwickeln und in welche Richtung Rebound Stuff gehen soll.
Was würde ich geben, ihm nochmal ein Menü bei McDonald’s kaufen zu dürfen und ihm einfach nur beim Reden zuhören zu dürfen. Er war nämlich nicht nur einer meiner schlausten Freunde, er war auch einer der lustigsten und mit Abstand der taktloseste.
Was hätte er noch alles kommen sehen?

Diesen Sonntag trinke ich einen auf ihn.
Quelle:
https://getyarn.io/yarn-clip/0afce898-738e-4393-b0d9-fef1cd000504

