Der Wholesale-Trend mit Secondhand

Artikel vom 5. Aug. 2021

Einer der erfolgreichsten Artikel auf diesem Blog ist „Woher bekommt ein Secondhand-Laden seine Ware“. Und das ist kein Zufall, denn die Secondhand-Branche boomt und viele fragen sich: Woher kommen die ganzen Vintage- und 90s-Sachen plötzlich her?

Als ich Anfang letzten Jahres mit Moritz von Peeces ein Interview führte, war Peeces einer der wenigen 90s-Vintage-Onlineshops, der gut gemacht war. Sie hatten damals 10k Follower. Heute sind es 118k. Mit dem Update meiner Liste der besten 90s-Vintage-Stores komme ich momentan kaum noch hinterher. Willy Vintage stieg z. B. von 500 auf 2500 Follower und die Vintage Sisters von 3k auf 23k Follower. Und von VinoKilo müssen wir gar nicht erst reden. Täglich kommen neue coole Secondhand-Shops dazu.

Was haben all diese Shops außer Wachstum noch gemeinsam bzw. worauf beruht ihr Wachstum eigentlich? Und welche Spuren hinterlässt dieser Boom an Vintage-Ware in den Strukturen?

Erst zu den Gemeinsamkeiten: Was haben all die Secondhand-Läden, die sich auf den 90s-Style fokussieren, gemeinsam?

Sie sind jung, das heißt sie werden von jungen Unternehmern (oft sogar direkt nach dem Abitur oder im Studium) gestartet. Sie haben ein lockeres Auftreten, nehmen ihr Uni- bzw. Schulumfeld als erste Kunden mit und setzen verstärkt auf Social Media, mit Video-Content und Werbung auf ihren Kanälen. Immer authentisch, immer cool. Immer mit Message.

Sie positionieren Vintage als gute Alternative zu Fast Fashion.

Sie machen die alte Kleidung durch gutes Styling und Marketing wieder attraktiv und dadurch zu einer echten Option gegenüber Neuware. Sie sind selbst ein großer Faktor, der Vintage & Secondhand zum Happening und dadurch cool macht.

Sie kaufen die „Altkleider“ meist bei Textilsortierungen oder Zwischenhändlern in Ballen zum Kilopreis und sortieren selbst nach.

Und da liegt der Schlüssel bzw. auch das Problem. Es gibt so viele Vintage-Shops, weil es in den letzten Jahren vermehrt Wholesale für Secondhand- und Vintage-Ware gibt. Und es gibt so viel Nachfrage, dass die Vintage-Preise stabil sind und mehr Wholesale entsteht. Und diese Wholesaler haben gelernt, sich selbst genauso jung und cool zu positionieren wie ihre jungen Gründer-Kunden.

Aber was genau ist Vintage-Wholesale?

Das sind meist Unternehmen, die sich zwischen die Textilsortierungen/-sammler und die jungen Vintage-Shops schalten und wie ein Mittelsmann zwischen den unattraktiven Sortierungen und den hippen jungen Geschäftsführern agieren. Sie selbst treten jetzt vermehrt in Social Media als cooles Business auf. Sie werben mit der besten Auswahl und den besten Deals. Hier sind drei Beispiele.

Aber wieso ist Vintage-Wholesale problematisch?

Secondhand zu kaufen ist doch super! Zumindest ist die Geschichte einfach. Kaufe, was schon da ist, das spart Ressourcen. Leider ist es in der Realität doch nicht immer so einfach. Denn generell kommt Vintage-Ware über Spenden zu den Textilsortierern (hier lest ihr, wie das System funktioniert). Es gibt 3 große Arten an Textilsortierungen: karitativ (z. B. Deutsche Kleiderstiftung), kommerziell (z. B. SOEX) und illegale Sammlungen (mehr zu dem Thema findet ihr in meinem Interview mit dem Geschäftsführer des Dachverbands der deutschen karitativen Textilsammler).

Da die großen Textilsortierungen verstanden haben, dass sie am meisten Geld mit den „Creme-Kategorie“-Altkleidern machen (wozu auch Vintage gehört), wenn sie selbst an die Endkunden verkaufen, verkaufen sie selten an andere Shops weiter. Die Deutsche Kleiderstiftung (karitativ) verkauft coole Vintage-Ware z. B. via Rack’N White und die SOEX (kommerziell) via PicknWeight. In Deutschland gehen viele Spenden an die großen Sortierungen, die eben selbst Läden haben und verkaufen.

Deswegen kaufen die kleinen neuen Secondhand- & Vintage-Shops nicht selten ihre Ware aus dem Ausland. Viele Vintage-Wholesale-Unternehmen sitzen in Großbritannien, was kein Zufall ist. Ich habe bei drei Wholesale-Unternehmen nachgefragt, woher sie ihre Ware beziehen, habe aber keine Antwort erhalten. Aus einigen Quellen weiß ich, dass diese nicht zufällig in Großbritannien sitzen. In der angelsächsischen Kultur wird gerne gespendet und die gespendete Ware wird in ehemaligen britischen Kolonien, vor allem nach Pakistan, zum Sortieren geschickt. Nicht selten laufen in Pakistan (oder auch in Osteuropa) die gesammelten „Spenden“ mit illegalen Sammlungen zusammen. Dort werden sie unter fragwürdigen Bedingungen sortiert und an Kunden im nördlichen Westen zurückgeschickt (die amerikanischen Sortierungen finden zumeist in Mexiko statt).

Auch Wholesale Vintage, ein Berliner Unternehmen, mit dem ich im letzten Jahr ein Interview hatte, wollte mir nicht klar sagen, woher die Sachen kommen. Ich möchte hier niemandem etwas unterstellen, aber die Intransparenz des Wholesales gibt eben viel Raum zur Spekulation.

Das Dilemma

Deswegen frage ich mich schon, ob die Intransparenz, die man der Fast-Fashion-Branche vorwirft, auch schon voll in den Secondhand-Markt eingezogen ist? Und man kann es keinem wirklich übel nehmen, weil ihr Erfolg tatsächlich von der besten Quelle abhängt, weswegen man sie nicht so einfach preisgibt. Intransparenz führt aber zu Misstrauen. Also gar keine einfache Entscheidung, ob man lieber transparent ist, aber dann Gefahr läuft, seinen Wettbewerbsvorteil zu verlieren oder intransparent bleibt und Raum für Spekulationen über die unethische Beschaffung lässt.

Bild: by Alina Betge zeigt das Lager von VinoKilo (Quelle: Instagram)

Klar dagegen ist: Je beliebter die Ware wird, desto mehr Akteure zieht es in diesen lukrativen Bereich. Akteure, die nicht nur Wohltätigkeit und Nachhaltigkeit auf der Agenda haben. An den Endkunden wird am Ende aber nicht durch große gesichtslose Konzerne verkauft, sondern über ganz sympathische junge Leute in Deutschland, die Secondhand als Lifestyle und Nachhaltigkeit kommunizieren. Was ja auch nicht ganz falsch ist, aber eben nicht die ganze Geschichte.

Der Trend mit dem Secondhand- & Vintage-Wholesale wird wohl in den nächsten Jahren noch weiter wachsen, solange Leute noch gute Kleidung spenden und bis die ReCommerce-Unternehmen eine Lösung für den Ankauf von Vintage-Ware gefunden haben.

Vor diesem Artikel habe ich eine kleine anonyme Umfrage zu dem Thema bei jungen Vintage-Shop-Besitzern gestartet.

Fast 60 % der Teilnehmer waren zwischen 18 und 22 Jahre alt. 80 % beziehen auch Ware von Wholesale-Unternehmen. 60 % wissen nur teilweise oder gar nicht, woher die Ware genau kommt. Ca. 70 % kaufen vorsortierte Ballen per Kilopreis. Diese Angaben sind aber mit Vorsicht zu genießen, da die Stichprobe klein war und nicht repräsentativ. Deswegen versende ich die Umfrage noch einmal. Falls ihr jemanden kennt oder selbst einen Vintage-Shop betreibt, sendet mir bitte die E-Mail via Instagram. Die Umfrage ist anonym.