Artikel vom 11. Sept. 2020
Die schwedische Plattform Sellpy kannte ich schon etwas länger. In meinem Kopf hatte ich sie allerdings als eher klein und wenig relevant eingeordnet. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Wo die H&M-Gruppe beteiligt ist, ist ein plötzlicher Wachstumssprung nicht ungewöhnlich. Seit Herbst 2019 ist H&M Hauptgesellschafter von Sellpy. Bereits am 4. Juli – nur wenige Tage nach Bekanntgabe des Deutschlandstarts – hatte ich schon einmal über das Unternehmen berichtet. Hier findet ihr den Link dazu.
Am 18. August durfte ich dann mit Alexandra Drissner, die den deutschen Markt für Sellpy verantwortet, ein Interview führen.

Alexandra Drissner, Country Head Germany – Quelle: Sellpy.se
Sellpy ist ja noch ganz neu auf dem deutschen Markt. Wie groß ist Sellpy in Deutschland derzeit?
Natürlich ist das deutsche Geschäft im Vergleich zu Schweden noch relativ klein. Trotzdem sehen wir bereits jetzt ein sehr starkes Wachstum und sind sehr zufrieden damit, wie Sellpy hier angenommen wird. Anfang August hatten wir bereits Zahlen erreicht, die wir ursprünglich erst für Ende September eingeplant hatten.
Aber eine eigene Infrastruktur gibt es in Deutschland noch nicht, oder?
Nein, aktuell noch nicht. Wir nutzen weiterhin die komplette Logistik und Produktion in Schweden. Unser Ziel war es zunächst, mit möglichst wenig Komplexität in den Markt einzusteigen und zu prüfen, ob das Produkt hier genauso angenommen wird wie erwartet. Nach den bisherigen Zahlen sieht es definitiv danach aus.
Der nächste Schritt wäre dann natürlich eine eigene Produktion und ein Lager hier in Deutschland – näher an unseren Kundinnen und Kunden. Das internationale Konzept möchten wir aber beibehalten, weil Käufer dadurch länderübergreifend einkaufen können. Je mehr Menschen Zugriff auf ein Produkt haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es verkauft wird. Davon profitieren letztlich auch die Verkäufer.
Auch wenn der Versand Emissionen verursacht, sind diese deutlich geringer als die Emissionen, die durch den Kauf von Secondhand statt Neuware eingespart werden.
Also wird derzeit alles nach Schweden und wieder zurückgeschickt?
Ja und nein. Die Ware deutscher Kundinnen und Kunden wird tatsächlich nach Schweden geschickt und dort für den Verkauf vorbereitet. Da aber die meisten Käufer aktuell noch in Schweden sitzen, bleiben viele Artikel letztlich auch dort.
In welchen Ländern kann man Sellpy derzeit nutzen?
Über Sellpy und eBay aktuell in Schweden und Deutschland. Zusätzlich verkaufen wir über eBay auch nach Österreich und Großbritannien. In Schweden verkaufen wir außerdem auf Tradera – einer eBay-ähnlichen Plattform – sowie über Afound, das ebenfalls zur H&M-Gruppe gehört.
Ihr verkauft nicht nur Kleidung. Wie sieht es bei Elektronik aus – wird die geprüft?
Wir prüfen die Artikel lediglich optisch, also zum Beispiel auf ein beschädigtes Display oder offensichtliche Mängel. Wir sind nicht auf technische Wiederaufbereitung spezialisiert. Verkäufer verpflichten sich deshalb, nur funktionierende Geräte einzusenden.
Sollte ein Käufer dennoch ein defektes Produkt erhalten, kann es unkompliziert reklamiert und zurückgeschickt werden.
Bekommt ihr viele Dinge, die nicht mehr in gutem Zustand sind?
Der große Vorteil von Sellpy ist ja gerade die Bequemlichkeit: Alles kommt einfach in eine Tasche und wird verschickt. Dabei landet natürlich manchmal auch etwas in der Tasche, das nicht mehr wirklich verkaufbar ist. Diese Teile sortieren wir dann aus.
Das ist wahrscheinlich auch euer größter Vorteil für Verkäufer, oder?
Absolut. Genau diese Einfachheit ist der größte Treiber. Alles in eine Tasche packen und kostenlos verschicken – ohne sich weiter darum kümmern zu müssen.
Für Käufer besteht der Vorteil darin, dass sie eine große Auswahl zu sehr guten Preisen bekommen – und zwar mit einem ähnlichen Einkaufserlebnis wie in einem klassischen Online-Shop: kein Risiko, 30 Tage Rückgaberecht und eine gute Reklamationslösung bei Problemen.
Gleichzeitig ist Secondhand natürlich nachhaltiger. Wir zeigen bei Textilien beispielsweise auch an, wie viel CO₂ und Wasser im Vergleich zum Neukauf eingespart werden.
Wie berechnet ihr diese Einsparungen?
Die Berechnung basiert auf den Ressourcen, die bei der Herstellung eines neuen Produkts notwendig wären. Für die wichtigsten Produktkategorien haben wir Durchschnittswerte ermittelt.
Bei einem Baumwoll-T-Shirt schauen wir zum Beispiel, wie viel Wasser durchschnittlich für Baumwolle benötigt wird, wie hoch der Baumwollanteil im Kleidungsstück ist und wie viel das spezifische T-Shirt wiegt.
Unser Motto „Sellpy – to better use“ bezieht sich dabei sowohl auf die bessere Nutzung bestehender Produkte als auch auf den Wandel von linearem zu zirkulärem Konsum. Unser Ziel ist es, Secondhand zum neuen Normal zu machen und zu zeigen, dass nachhaltiger Konsum weder weniger Spaß noch weniger Stil bedeutet.
Ich habe meine Sachen extra gefaltet und in eine Box gepackt, bevor ich die Sellpy-Tasche drumherum gemacht habe. Kommt die Kleidung sonst total zerknittert bei euch an?
Unsere Taschen bestehen aus recyceltem Kunststoff und sind sehr stabil. Eigentlich muss man nur zerbrechliche Dinge zusätzlich sichern. Wenn man die Tasche beim Verschließen etwas straff zieht, verrutscht darin kaum etwas.
Wie viele Teile passen durchschnittlich in so eine Tasche?
Im Durchschnitt etwa 20 Artikel – also ungefähr so viele wie bei dir. Kundinnen und Kunden können bis zu drei Taschen bestellen.
Die Preisvorschläge für meine Artikel kamen mir teilweise recht niedrig vor. Worauf basieren die?
Die Preise werden von einem Algorithmus berechnet, der auf den Erfahrungen von über sechs Millionen Verkäufen basiert. Natürlich sehen wir in Deutschland teilweise andere Marken und andere Kaufgewohnheiten. Deshalb ist es für uns wichtig, aus dem Verhalten unserer Kundinnen und Kunden zu lernen.
Deshalb bitten wir Verkäufer, die vorgeschlagenen Preise innerhalb von 48 Stunden zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Danach kann der Preis für weitere 14 Tage verändert werden – solange der Artikel noch nicht verkauft wurde.
Reichen den Leuten diese 48 Stunden?
Im Allgemeinen ja. Man merkt allerdings zwei unterschiedliche Typen: Diejenigen, die sehr involviert sind und sich intensiv mit den Preisen beschäftigen – und diejenigen, die möglichst gar nichts mehr damit zu tun haben möchten.
Die Preise werden ja mit der Zeit reduziert. Wie funktioniert das?
Der ursprüngliche Preis bleibt zunächst 14 Tage bestehen. Danach wird er jede Woche prozentual gesenkt. Im Durchschnitt bleibt ein Produkt etwa zwölf Wochen online. Wenn es bis dahin nicht verkauft wurde, wird es gespendet.
Die genaue Reduktionslogik hängt vom ursprünglichen Artikelwert ab. Unser Ziel ist es, dass die Produkte wieder genutzt werden und eine zweite Chance bekommen.
Welche Dinge lehnt ihr ab?
Natürlich defekte Artikel sowie Produkte, die nicht unseren Richtlinien entsprechen – zum Beispiel Kosmetik, Artikel unter fünf Euro Wert oder Produkte mit pornografischen Inhalten.
Falls ein Verkäufer mit unserer Entscheidung nicht einverstanden ist, kann er eine erneute Prüfung anfordern. Sollte das Ergebnis gleich bleiben, kann er sich den Artikel zurückschicken lassen oder ihn spenden.
Gibt es Kategorien, die ihr grundsätzlich nicht anbietet?
Ja. Dazu gehören beispielsweise gewaltverherrlichende Produkte oder Artikel aus bestimmten tierischen Materialien. Die komplette Liste findet man auf unserer Webseite.
Was passiert, wenn ich einen Artikel zurückhaben möchte, nachdem er schon online ist?
Das ist möglich. Du kannst den Verkauf abbrechen. Der Artikel landet dann für eine Bearbeitungsgebühr von einem Euro in deinem Warenkorb und kann zusammen mit anderen Einkäufen zurückbestellt werden.
Wenn ein Artikel sich dagegen nicht verkauft und der Verkauf nicht abgebrochen wird, wird er automatisch gespendet. Wir haben bewusst darauf verzichtet, unverkaufte Ware automatisch an Verkäufer zurückzuschicken. Die meisten Menschen möchten sich nach dem Versand schlicht nicht mehr darum kümmern.
Wohin werden die Artikel gespendet?
An die Stockholm Stadsmission und Myrorna – zwei große gemeinnützige Organisationen in Schweden. Da unser Lager aktuell noch dort sitzt, arbeiten wir bisher ausschließlich mit schwedischen Partnern zusammen.
Und was passiert dort mit den Artikeln?
Etwa 70 Prozent der Produkte werden weiterverwendet – entweder in Schweden oder international. Die Organisationen verkaufen die Artikel weiter und verwenden die Erlöse wie Spenden.
Was nicht mehr genutzt werden kann, wird recycelt.
Jetzt noch eine Käuferfrage: Wenn ich mehrere Favoriten habe, aber noch auf Preisreduzierungen warten möchte, kann ich die Artikel nicht einfach sammeln und später gemeinsam verschicken lassen, richtig?
Unser Ziel ist natürlich, dass sich die Artikel möglichst schnell verkaufen und gleichzeitig ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für Verkäufer und Käufer entsteht. Daraus ergibt sich dieses eher dynamische System.
Es ist ein bisschen wie eine Jagd: Alle Produkte sind Einzelstücke. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Die entscheidende Frage ist deshalb immer: Warte ich auf die nächste Reduzierung – oder ist das Risiko zu groß, dass jemand anderes den Artikel vorher kauft?
Genau das ist mir tatsächlich schon passiert. Nicht wegen des Preises, sondern weil ich nicht ständig einzelne Pakete bestellen wollte. Gerade bei einem nachhaltigen Konzept wäre es schön, Artikel sammeln zu können.
Das ist wirklich gutes Feedback. Unser Ziel ist es, in allen Bereichen nachhaltiger zu werden. Auch intern gilt bei uns beispielsweise eine „First Purchase Policy“: Was gebraucht gekauft werden kann, wird gebraucht gekauft. Unsere Technik ist deshalb ebenfalls Secondhand, aber generalüberholt.
Wir möchten das Konzept in vielen Bereichen weiterentwickeln – und Versandoptionen gehören definitiv dazu.
Vielen Dank an Alexandra für das Interview. Ich muss ehrlich sagen: Vor allem als Käuferin bin ich der Plattform inzwischen ein wenig verfallen. Wie meine Verkäufe bei Sellpy gelaufen sind, könnt ihr hier im Erfahrungsbericht lesen.

Sellpy-CEO Michael Arnör und Sellpy-Deutschlandchefin Alexandra Drissner – Quelle: Textilwirtschaft

