Artikel vom 26. Apr. 2020
Schlüsselfiguren in der Textilbranche:
Kommerzielle Textilsortierbetriebe. Bei ihnen landet zwangsläufig der Großteil der Textilien irgendwann. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gespendet oder verkauft wurden. Die beiden Giganten der Industrie in Deutschland sind SOEX und TEXAID. Diese beiden habe ich mir genauer angeschaut, um den Prozess zu erklären.
Die letzten zwei Wochen habe ich mich ständig gefragt, wer eigentlich die Schlüsselakteure der Textilindustrie sind, wenn es um das Lebensende unserer Kleidung geht. Nachdem ich mit Thomas Ahlmann von FairWertung gesprochen habe, bestätigte sich meine Vermutung: Es sind nicht die Sammler, sondern die Sortierbetriebe für Altkleider, die eine gravierende Rolle am Markt spielen. Und davon gibt es gar nicht so viele. Hier also ein Überblick darüber, was Textilsortierungen eigentlich machen und wer die größten Akteure in Deutschland sind.
LOS GEHT’S!
Was können wir mit ungewollter, gebrauchter Kleidung machen, wenn wir sie nicht direkt an Freunde und Familie weitergeben oder auf einem Marktplatz oder in einem Secondhand-Laden verkaufen?
Was tun mit ungewollter Kleidung?
Wir können sie entweder an ein ReCommerce-Unternehmen verkaufen, gegen einen Gutschein in eine Take-Back-Box in Läden geben oder an eine Kleidersammlung spenden.
ReCommerce-Unternehmen: Diese kaufen nur an, was sie auch mit Gewinn weiterverkaufen können. Manche ReCommerce-Unternehmen (und dazu gehören nicht nur reine ReCommerce-Player wie Momox, sondern auch Unternehmen wie Zalando) verkaufen neben Altkleidern auch Warenretouren oder Restposten. Hier gibt es verschiedenste Modelle. Fakt ist: Was lange nicht einzeln weiterverkauft wird, wird im Kilo an einen Sortierbetrieb verkauft. Der Erlös bleibt im Unternehmen.
Take-Back-Boxen: In Take-Back-Boxen kann man alle Textilien werfen, egal in welchem Zustand. Als Dankeschön erhält man meist einen Gutschein von dem Laden, in dem die Box steht. Viele Läden (gleiches gilt auch für Schuhe) bieten einen solchen Service mittlerweile an. Die Boxen werden an einen Sortierbetrieb verkauft oder direkt von einem Sortierbetrieb abgeholt. So etwas nennt man White Labeling: Die Standardboxen des Sortierbetriebs werden mit dem Ladenlogo bedruckt, der Laden zahlt eine „Miete“ für seine Box. Der Laden erhält diese Miete und setzt zusätzlich einen Kaufreiz beim Kunden. Win-win für beide Seiten. Je nachdem, wie das Unternehmen diese Boxen vermarktet und sich positioniert, gehen die Erlöse an eine Stiftung (wie bei H&M) oder zählen zum zusätzlichen Einkommen.
Kleidersammlungen: Kleidersammlungen können sich ganz unterschiedlich gestalten. Manche sammeln mit Flyern von Tür zu Tür, andere direkt in Abgabestellen, wieder andere über Altkleidercontainer. Und manche machen sogar alles drei, wie z. B. die Deutsche Kleiderstiftung. Generell ist jedoch zwischen drei Kategorien zu unterscheiden:
Karitative Sammler:
In Deutschland sind alle Kleidercontainer, die nachweislich „Gutes“ mit der Kleidung tun, mit dem Siegel FairWertung ausgestattet. Bitte verwendet nur solche, falls ihr Container wählt und die Kleidung nicht direkt abgebt. Nicht jede karitative Einrichtung verfügt über eigene Sortiermöglichkeiten und Kleiderkammern, bei denen die gespendeten Kleider direkt an Bedürftige (egal ob in Deutschland oder im Ausland) abgegeben werden können. Einige, wie das Rote Kreuz, überlassen die Entleerung direkt kommerziellen Sammlern, die sie zu kommerziellen, aber legalen Sortierbetrieben bringen. Sogar die Berliner Kleiderkammer macht das. Wichtig ist zu verstehen, dass die Kleidung so oder so einem guten Zweck zugutekommt. In vielen Fällen werden die Betriebskosten allerdings vom Erlös der gesammelten Kleidung abgezogen, bevor die verbleibenden Mittel gemeinnützige oder entwicklungspolitische Projekte finanzieren.
Illegale Sammler:
Es gibt viele illegale Sammler in Deutschland. Die Altkleidercontainer werden unerlaubt irgendwo aufgestellt und teilweise mit irreführender Kommunikation beklebt. Das ist tatsächlich ein lukratives Geschäft, da wir Deutschen im globalen Vergleich gute, einwandfreie Ware „spenden“. Illegale Sammler verkaufen die Kleidung im Kilo an Sortierbetriebe, denen es egal ist, woher die Ware stammt. Viele dieser Sortierer sitzen in Osteuropa oder sortieren illegal in Deutschland und verkaufen die Ware anschließend an Secondhand-Shops in Osteuropa.
Offizielle kommerzielle Sammler:
Es gibt auch offizielle Sammler, die keinen karitativen Zweck nachweisen können. Dazu zählt z. B. auch die Humana Kleidersammlung e. V. in Nordrhein-Westfalen. Ihnen wurde untersagt, Kommunikation (also Werbung) auf ihren Sammelcontainern anzubringen, die den Anschein erweckt, gemeinnützig zu sein. In den letzten Jahren konnte die Organisation nicht transparent darlegen, was mit den Erlösen aus der Kleidung geschieht. Auch der Verband FairWertung akzeptiert den Verein nicht als gemeinnützig, was ihn letztlich zu einem kommerziellen Sammler macht. Bei den offiziellen kommerziellen Sammlern gibt es wiederum solche mit eigener Sortierung (wie Humana in Berlin) und solche ohne. Letztere verkaufen die Kleidung pro Kilo an Textilsortierer.
Textilsortierbetriebe: Hier landet also der Großteil der in Deutschland gespendeten Kleidung. Was nicht in Kleiderkammern verteilt wurde oder nach einer Vorsortierung in eigene Secondhand-Shops geht – wie z. B. bei der Deutschen Kleiderstiftung und ihren „Zweimalschön“-Läden – landet hier.
Pro Jahr werden in Deutschland rund 1.350.000 Tonnen Textilien gesammelt. Diese gelangen zu großen Teilen zu den in Deutschland agierenden Textilsortierbetrieben. Hier einige, die ich bei der Recherche gefunden habe (Zahlen nach eigenen Angaben):
SOEX GmbH: 300 Tonnen pro Tag (2019); Sortierwerk in Ahrensburg
FWS GmbH: 280 Tonnen täglich; Sortierung in Bremen
TEXAID AG: 123 Tonnen pro Tag; Sortierung in Apolda
Torun TEX GmbH: 100 Tonnen Alttextilien pro Tag; Sortierung in Salzgitter, Sigmaringen, Dietzenbach, Heilbronn
Textilrecycling GmbH: 70 Tonnen pro Tag; Sortierung in Rotterdam
Remitex GmbH: 30 Tonnen Rohware pro Tag; Sortierung in Philippsburg-Huttenheim (seit 1981)
ReTextil GmbH: 20 Tonnen pro Tag (2018)
Weitere:
- Caritas Sortierzentren
- Dohmann Textilverwertung GmbH (Sortierung in Dortmund)
- HUMANA (Sortierung in Berlin)
- Kleiderkammer Deutschland (Sortierzentren)
- Lorenz Wittmann GmbH
- Striebel Textil GmbH (Sortierung in Langenenslingen)
- Berliner Stadtmission
Aber im Prinzip läuft es immer so ab, wie ich es auf dem Bild dargestellt habe:
Überblick über die vier Schritte der Textilverwertung bei großen Sortierbetrieben

(EXKURS: Sich zu kleiden ist ein Grundbedürfnis. 70 % der Weltbevölkerung können sich keine neuen Textilien leisten. Der Handel mit Altkleidern und Kleiderspenden ist kein Phänomen der Neuzeit; schon immer gingen Kleider von Reichen zu Armen, ob im Inland oder im Ausland. Das einzig Neue ist die steigende Beliebtheit von Secondhand-Ware in Westeuropa sowie der zunehmende Anteil an „Creme-Ware“ (saubere, intakte und modische Altkleider). Auch meine Familie hat ihre eigene Geschichte mit Altkleidung. Früher haben wir von Bekannten und Verwandten aus Deutschland Kleidung erhalten. Als wir in den 90ern selbst in Deutschland lebten, hat mein Onkel in der Kirchengemeinde für Waisenhäuser in Osteuropa gesammelt. Der Fluss von Altkleidern lag jedoch nicht allein daran, dass die Menschen im Osten ärmer waren – dort gab es auch keine westliche Mode zu kaufen. Die Nachfrage nach modischer Markenkleidung wurde daher durch illegale Importe neuer sowie gebrauchter Ware gedeckt. Wenn man nicht das Glück hatte, Kleidung von Organisationen, Kirchen, Verwandten oder Bekannten kostenlos zu bekommen, kaufte man sie eben auf dem Schwarzmarkt. Deshalb hat es mich nicht gewundert, als ich las, dass die zwei größten Sortierbetriebe in Deutschland fast im gleichen Jahr gegründet wurden – der eine mit karitativem Hintergrund, der andere aus direkten kommerziellen Beweggründen.)
TEXAID und SOEX
Die beiden Giganten in Europa, global agierend – mit sehr unterschiedlichen Geschichten.
TEXAID (hier das ausführliche Profil) ist ursprünglich aus einem karitativen Schweizer Kollektiv hervorgegangen. Mittlerweile ist das Unternehmen jedoch eine Aktiengesellschaft, die Gewinne erwirtschaftet, um Projekte zu finanzieren. Es existiert seit 1977.
SOEX wurde 1978 von einem syrischen Kaufmann gegründet.
Beide Unternehmen zählen heute zu den größten Treibern und Akteuren bei der Entwicklung nachhaltiger Recyclingprozesse. Beide haben in Deutschland hochtechnologische Sortierzentren aufgebaut. Sie sind nicht nur in der Lage, Produkte und Materialien zur Weiterverwertung herzustellen (bei SOEX entstehen aus Alttextilien zahlreiche Wertstoffe – von Putzlappen bis zu Stofftierfüllungen), sondern können auch Schuhe recyceln und in Faser-zu-Faser-Recyclingforschung investieren.
Fakt ist jedoch auch, dass die noch tragbare Ware – genauer gesagt der Erlös daraus – entscheidend ist, um die Sortierbetriebe am Laufen zu halten. Beide Unternehmen verkaufen die „Creme-Ware“ in eigenen Ladenkonzepten, um möglichst hohe Margen selbst zu erzielen. TEXAID nutzt dafür die ReSale GmbH und die Carou GmbH, während SOEX auf „Pick & Weight“-Läden in ganz Europa setzt.
SOEX zeigt sich insgesamt als Vorreiter in der Geschäftsentwicklung. Das Unternehmen war maßgeblich daran beteiligt, die Sammlungen für das Rote Kreuz in den 80er-Jahren voranzutreiben, und initiierte vor etwa fünf Jahren gemeinsam mit der H&M-Gruppe und Puma die Einführung von Take-Back-Boxen in deren Filialen. Inzwischen wurde dafür ein eigenständiges globales Unternehmen gegründet: die I:CO GmbH, die mittlerweile auch in Asien und den USA tätig ist. Die Idee dahinter ist so einfach wie wirkungsvoll: Altkleider werden direkt dort gesammelt, wo neue gekauft werden.
TEXAID agiert hingegen stärker digital. Neben einem verstärkten Fokus auf den Online-Wiederverkauf von Secondhand-Ware setzt das Unternehmen auch bei Kleiderspenden auf digitale Lösungen: Mit PackMe können Kundinnen und Kunden Pakete mit Altkleidern einsenden und sich im Gegenzug einen Gutschein für ihren Lieblingsshop sichern.
In einem Video von Galileo wird die I:CO-Take-Back-Lösung von SOEX in Zusammenarbeit mit H&M sowie der gesamte Sortierungs- und Verwertungsprozess vorgestellt.
Sortierung
Die gesammelte Ware wird in fast jedem Sortierbetrieb zunächst grob sortiert (in Kategorien wie: Hosen zu Hosen, Hemden zu Hemden usw.). In der Feinsortierung erfolgt dann eine weitere Unterteilung: „Creme-Ware“ für westeuropäische Second-Hand-Läden. Wenn ein Sortierbetrieb – wie TEXAID oder SOEX – eigene Läden betreibt, ist diese Ware für den eigenen Verkauf bestimmt, ansonsten für den Großhandel an andere Secondhand-Shops.
Auch in den weiteren Sortierschritten wird nach Zielmärkten differenziert: 1. Osteuropa, 2. Afrika, 3. andere Länder. Die Kleidung wird anschließend in Ballen gepresst und im Großhandel verkauft.
Recycling
Aus untragbarer Kleidung werden Materialien für andere Produkte hergestellt – vom Downcycling (z. B. Putzlappen) bis hin zum Upcycling (z. B. Fasern für Geldscheine). Echtes Recycling im Sinne von Faser-zu-Faser-Recycling findet derzeit nur zu etwa 0,1 % statt.
(Wobei mein Vater mir bestätigt hat, dass die recycelten Poliertücher aus den Sortierbetrieben oft nur für den einmaligen Gebrauch geeignet sind. Sie werden verwendet, um Schmierstoffe wie Öl aufzuwischen, und sind danach so stark verschmutzt, dass sie entsorgt und zusammen mit Industriemüll verbrannt werden. Bei manchen Recyclingprodukten gelingt also lediglich eine einmalige Verlängerung der Nutzungsdauer.)
Entsorgung
Und was passiert mit Alttextilien, die gar nicht mehr verwertet werden können? Laut den Angaben auf den Webseiten werden sie zur Energiegewinnung genutzt – das heißt, sie werden verbrannt. Ob Sortierbetriebe dafür bezahlen müssen oder Einnahmen erzielen, kann ich nicht sicher sagen.
Fazit zu den Sortierbetrieben
Fakt ist: Was nicht bei den großen, offiziellen Sortierbetrieben landet, endet vermutlich nicht im Recycling, sondern auf Mülldeponien oder als „Landfills“ in Entwicklungsländern – und genau dort sollte es nicht landen. Funktionierende, wenn auch kommerzielle Textilsortierungen sind derzeit entscheidend, um Spenden sinnvoll zu nutzen und Textilien bestmöglich weiterzugeben.
Quellen: texaid.com
soex.com

