Artikel vom 5. Mai 2020
Als ich Anfang des Jahres Freunden und Familie von meinem Projekt erzählte, boten mir viele an, dass ich mir bei ihnen Dinge leihen könne – was mich extrem beruhigte. Viele von ihnen wissen, dass ich eigentlich ein Konsumkind bin und dass es mir wohl schwerfallen würde, nichts Neues zu kaufen.
Ich muss sagen, ich habe am Anfang gar nicht nachgeschaut, wie viele Menschen so etwas schon gemacht hatten. Ich wusste, dass es Menschen gibt, die ein Jahr ohne Müll leben oder alles verkaufen und Minimalisten werden. Deshalb war ich mir sicher, dass es auch Leute geben musste, die ein Jahr nichts kaufen. Gleichzeitig war ich überzeugt: So, wie ich das mache, hat es bestimmt noch keiner gemacht. Und selbst wenn – die ersten drei Wochen hat es mich nicht interessiert.
… aber dann eben doch!
Ich fing an zu googeln – und ich fand einige! Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten Menschen versucht haben, gar nichts zu kaufen. Dinge, die sie brauchten, wurden geliehen oder ertauscht. Eine Organisation, die mir besonders aufgefallen ist, ist genug.org. Diese Organisation mit über 3000 Followern und einigen Mitgliedern stellt auf ihrer Website Spielregeln für ein konsumfreies Jahr auf. Das fand ich spannend, also kontaktierte ich sie.
Im Februar traf ich mich mit der Gründerin und Initiatorin Christiane in Neukölln. Sie lebte sechs Jahre lang, ohne etwas zu kaufen. Als immer mehr Menschen begeistert waren, gründete sie einen Verein. Alles zu Christiane und ihrem Verein erfahrt ihr in einem der nächsten Blogposts. Sie war es auch, die mich dazu brachte, die Themen Tauschen und Teilen genauer zu betrachten. Durch sie habe ich mir Plattformen wie nebenan.de (Blogpost dazu folgt) und Pumpipumpe genauer angesehen.
Bei nebenan.de bin ich jetzt seit etwa zwei Monaten Mitglied, habe tolle Tipps bekommen – und sogar eine Trainingspartnerin gefunden.
„Sharing Economy“ ist nicht gleich Leihen!
Oft leiht sich die Wirtschaft den Begriff „Leihen“, wenn es eigentlich ums Mieten geht. Aber von Mieten (Leihen gegen Geld) möchte ich hier nicht sprechen. Ich meine echtes Leihen: etwas ohne Gegenleistung und nur gegen das Versprechen der Rückgabe vorübergehend aus dem eigenen Besitz jemand anderem zur Verfügung stellen.
Um Dinge leihen zu können, muss man klar kommunizieren, was man braucht – und idealerweise auch wissen, was andere haben. Das ist gar nicht so einfach. Da ich Leihen aber schon vor meinem Projekt gut fand, frage ich Menschen oft proaktiv, ob sie sich etwas leihen möchten, wenn ich merke, dass sie Interesse haben.
Ein Beispiel: Ich habe ein Bild von der Hochzeit meiner Cousine auf Instagram gepostet und viele Komplimente für mein Kleid bekommen. Eine Freundin fragte, woher es sei, da sie selbst bald auf eine Hochzeit muss. Ich schlug vor, dass sie es sich einfach leiht – und sie fand das großartig. So wurde das Kleid bereits auf zwei Hochzeiten getragen, besser genutzt und es musste nichts Neues gekauft werden.


Ein weiteres Beispiel: Ich postete ein Buch in meiner Instagram-Story, und ein Bekannter fragte, ob es sich lohnt, es zu kaufen. Ich bot ihm an, es zu leihen. So wurde das Buch von zwei Menschen gelesen statt von einem. Beide Dinge – das Kleid und das Buch – mag ich sehr und möchte sie behalten. Aber ich weiß auch: Ich werde sie nicht „aufbrauchen“. Indem ich sie verleihe, kann ich dazu beitragen, dass andere nichts für den einmaligen Gebrauch kaufen müssen.
Natürlich geht dabei auch mal etwas kaputt oder kommt nicht zurück. Dann weiß man immerhin, wem man künftig nichts mehr leiht.
Seit dem Interview mit Christiane denke ich jedoch verstärkt darüber nach, ob es besser ist, Dinge aktiv anzubieten oder ob die Initiative eher von der Person ausgehen sollte, die etwas braucht. Eine klare Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden. Leihen ist eine sensible Angelegenheit – selbst unter Freunden und Familie.
Ein Beispiel: Neulich fragte mich ein Freund, ob ich mein Auto noch hätte. Sein eigenes hatte ein technisches Problem und bekam keine Zulassung für einen zusätzlichen Sitz. Für eine Hochzeit brauchte er kurzfristig ein Auto, konnte aber bei der Autovermietung keines mehr bekommen. Ich rief bei meiner Versicherung an, meldete ihn für zwei Tage als zusätzlichen Fahrer an – und er konnte das Auto problemlos nutzen. Als er es abholte, erzählte er mir, dass er mehrere Freunde gefragt hatte, die sich einfach nicht gemeldet hatten.
Leihen basiert auf Vertrauen – und genau deshalb funktioniert es am besten im engen Umfeld. Aber selbst dort kann es zu Konflikten führen. In vielen Fällen greift man daher doch auf versicherte, kostenpflichtige Plattformen zurück – und das ist dann eigentlich Mieten.
Ein Beispiel dafür ist die Münsteraner App NearbySharing: Dort können Privatpersonen ihre Gegenstände gegen eine tägliche Gebühr verleihen – ähnlich wie bei Paul Camper für Wohnmobile. Das fällt dann unter „Sharing Economy“.
Gibt es gute Unternehmen, die das Tauschen zurückbringen?
Ich persönlich habe damit wenig Erfahrung. Oft braucht man etwas, ohne gleichzeitig etwas Gleichwertiges anbieten zu können – und ich denke, so geht es vielen. Auch bei Kleiderkreisel, wo man Kleidung tauschen kann, hatte ich bisher noch kein erfolgreiches Match.
Tatsächlich gibt es gar nicht so viele Tauschbörsen, wie man vielleicht denkt. Einige sind für meinen Kontext weniger relevant – etwa für Konzerttickets (Tauschticket.de) oder Ferienhäuser (HomeExchange). Beide tauschen keine Alltagsgegenstände, daher sind sie für meinen Blog weniger interessant.
Eine Plattform für Gebrauchsgüter, die ich gefunden habe, war Bambali – doch diese hat am 31.03. geschlossen. Ein Zeichen dafür, dass Tauschen wieder im Alltag angekommen ist, ist das leider nicht. Ob es einen Nachfolger gibt, weiß ich nicht.
Bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) gibt es einen Tauschmarkt, den ich großartig finde. Die Angebote klingen zum Beispiel so:
„Biete Kindergummistiefel Größe 36 gegen 5 Kilo Blumenerde.“

Auch auf nebenan.de wird kreativ getauscht.

Allerdings fehlt bei vielen Plattformen wie BSR, Kleiderkreisel, nebenan.de oder eBay Kleinanzeigen ein wirklich gutes Suchsystem für Tauschgeschäfte. Es ist schlicht schwer, passende Matches zu finden. Deshalb wird oft gegen Dinge wie Lebensmittel oder BVG-Tickets getauscht – oder klassisch Kleidung gegen Kleidung.
Sehr überzeugend finde ich hingegen Tauschläden in Berlin: Man bringt etwas hin, das man nicht mehr braucht, und nimmt etwas mit, das man gebrauchen kann. Einfach und logisch – das möchte ich definitiv ausprobieren, sobald sie wieder geöffnet sind. Vielleicht finde ich dort ein paar Kinderbücher für meine Nichte.
Fazit
Für die meisten Menschen ist Tauschen noch keine alltägliche Methode, um an Dinge zu kommen. Wenn ihr aber gute Tauschplattformen kennt, lasst es mich wissen – ich teile sie dann gerne mit allen.
