Meine Gretchenfrage: Will ich, dass Rebound Stuff Shop Produkte über ITSAPARK verkauft werden?

Artikel vom 19. Sept. 2021

Seit heute ist die Webseite von ITSAPARK abgeschaltet. Dort findet sich folgende Nachricht:

To new beginnings

We’re so proud to announce that we’re taking our mission for sustainably driven style to a broader audience. Our learnings will create more value in a greater context together with H&M Group — where we can build awareness higher and explore wider.

The future feels bright!

In den letzten Monaten tat sich auf der Plattform nicht viel, es gab statt eines Potpourris aus nachhaltigen Marken nur die H&M-Eigenmarken-Styles mit recyceltem Polyester. Ich persönlich denke, statt viel gelernt zu haben, ist ihr Plan nicht ganz aufgegangen. Was jetzt mit den 30 Angestellten ist und wie ihre „Learnings“ bei H&M integriert werden, bleibt zu beobachten.

Manchmal ist die Grenze zwischen dem, was klug erscheint, und dem, was konsequent ist, nicht wirklich scharf. In den letzten Wochen habe ich mich mit einer wahren Gretchenfrage beschäftigen müssen: Will ich mit einem Fast-Fashion-Riesen wie der H&M-Gruppe zusammenarbeiten? Auch wenn sie sich mit ITSAPARK anders aufstellen, ist das nicht nur same same? Glaube ich an den Wandel im bestehenden System oder verhindert dieser Glaube den nötigen radikalen Systemwechsel?

Letzte Woche habe ich diese Frage endlich für mich beantwortet: Nein, es sollen keine Rebound Stuff Shop Produkte via ITSAPARK verkauft werden. In diesem Artikel teile ich mit euch meine Überlegungen, Bedenken und Argumente gegen eine Zusammenarbeit mit der H&M Plattform.

Wie kam es zu dem Kontakt mit ITSAPARK?

Anfang August meldete sich ein ITSAPARK-Manager für Partnerships & Affiliates bei mir, um eine mögliche Partnerschaft zu besprechen. Mein erster Impuls: Ich habe mich gefreut. Yay, jemand hat meine Produkte entdeckt und findet sie interessant! Gleichzeitig hatte ich mir aber schon im Vorfeld ausgiebig Gedanken zu ITSAPARK gemacht und im Mai 2021 einen Artikel mit vier kritischen Fragen über das H&M-Konzept verfasst, der kein gutes Licht auf den Marktplatz und seine Strategie geworfen hat.

Trotz meines kritischen Artikels blieb ich einem Gespräch mit ITSAPARK gegenüber offen und habe mich auf den Austausch wirklich gefreut. Vielleicht wäre eine Kooperation ja doch interessant, wenn ich mehr über die Vision und die Pläne von ITSAPARK weiß? Vielleicht können sie meine kritischen Fragen klar beantworten und überzeugen mich doch von dem Konzept? Wie für alle kleinen Labels ist die Reichweite, die so eine Kooperation bieten kann, ein wirklich starkes Argument für die Zusammenarbeit mit ITSAPARK.

Leider war mein erstes Gespräch mit dem Partnership Management eher ernüchternd. Meine beiden englischen Gesprächspartner waren auf kritische Nachfragen meinerseits nicht vorbereitet. Sie erklärten mir ihr Konzept und wie die Kooperation technisch funktioniert: Sie kuratieren auf ITSAPARK Produkte und würden auch aus dem Rebound Stuff Shop einiges (aber nicht alles), was ihnen gefällt, aussuchen und das via Tipser (ihre Tech-Plattform) auf ITSAPARK ziehen. Der Checkout findet über ITSAPARK statt und das Fulfillment dahinter findet über mich statt. Dafür bekommt ITSAPARK eine Verkaufsprovision, so wie z. B. eBay und Amazon. Klingt easy für mich und klingt auch easy für ITSAPARK. Aber ich frage mich schon, wie viele Plattformen ich als Secondhandhändlerin bezahlen soll, um eine Secondhand-Vase zu verkaufen.

Zur Beantwortung meiner kritischen Fragen auf dem Blog haben sie mir am Ende des Telefonats ein weiteres Telefonat angeboten, diesmal mit Vanessa Rothschild, Innovation Manager, und Elke Kieft, Communications Manager. Ihnen durfte ich eine Woche später die vier kritischen Fragen aus meinem Artikel persönlich stellen und habe mich sehr über diese Offenheit gefreut. Die Antworten von ITSAPARK könnt ihr unten in diesem Artikel lesen.

Warum habe ich mich trotzdem gegen eine Kooperation mit ITSAPARK entschieden?

Das Gespräch mit Vanessa und Elke musste ich fast vier Wochen ruhen lassen, bevor ich meine Entscheidung treffen konnte. Sie hatten alles beantwortet und doch war ich letztlich nicht von ITSAPARK überzeugt, sondern hin- und hergerissen zwischen dem, was für den Rebound Stuff Shop ein geschäftlich kluger Move sein könnte, und meiner persönlichen Überzeugung, dass wir einen Systemwechsel brauchen.

Hier die Hauptgründe für meine Entscheidung:

1. ITSAPARK will „bessere“ Produkte verkaufen, räumt aber ein, dass die meisten ihrer Produkte noch nicht „gut“ (wahrlich nachhaltig) sind.

Wenn man sich die Produkte bei ITSAPARK ansieht, sieht man viele Marken und Labels, deren Nachhaltigkeit grundsätzlich infrage steht, wie NU-IN.

Sie begründeten es damit, dass es noch nicht genug „gute“ Produkte in einem niedrigen Preissegment gibt, d. h. für eine preissensitive Kundin, und setzen daher auf objektive Produkt-Tags, die den Kunden ganz genau darüber informieren, was sie da kaufen. Hinter jedem Tag befindet sich ein kleiner Text, der genau sagt, was sich hinter dem Begriff versteckt. Und ich finde, das ist ein guter Ansatz, würde sich nicht die ganze Plattform als per se nachhaltig darstellen.

Es ist für mich kein Argument, ein 10-Euro-Weekday-T-Shirt als nachhaltig oder besseres Produkt zu deklarieren, damit eine junge Kundin denkt, gute nachhaltige T-Shirts gäbe es für 10 Euro. Diese Art der Kundenverwirrung hat H&M vor zehn Jahren begonnen und führt sie meiner Meinung nach nun auch über ITSAPARK weiter.

2. Vanessa und Elke haben gesagt, dass es derzeit nicht beabsichtigt ist, Kunden der H&M-Filialen zu ITSAPARK-Kunden zu machen.

Daraus schließe ich, dass man eher die Kunden der nachhaltigen Nischen für ein H&M-Konzept gewinnen will, als die Masse der H&M-Kunden zu mehr Nachhaltigkeit zu erziehen.

Selbst wenn ITSAPARK, wie sie sagen, wichtige Lernerfahrungen zu Produkt-Tags macht und dazu, welche Nachhaltigkeitsaspekte die Kunden am meisten ansprechen, um sie anschließend in die gesamte H&M-Gruppe zu tragen, dauert mir dieser Prozess ehrlich gesagt zu lange. Sagen wir, Kund:innen kaufen Produkte mit einem bestimmten Tag wie „recycelt“, ITSAPARK lernt daraus, dass dies den Kund:innen wichtig ist, woraufhin die H&M-Gruppe mehr auf Recycling setzt. So oder so ähnlich soll das Ganze wohl funktionieren.

Meiner Meinung nach sollte man gute Produkte entwickeln, ohne Kund:innen zu fragen, was sie als nachhaltig definieren, denn die Kund:innen wissen im Zweifel ja gar nicht, welche nachhaltigen Optionen zur Verfügung stehen, und sind auf einem ganz anderen Wissensstand. Kund:innen sollten nicht den Unternehmen sagen müssen, was sie unter nachhaltig verstehen und was sie bereit sind, dafür zu zahlen – wir als Industrie sollten ihnen sagen, was wissenschaftlich nachhaltig ist und was es tatsächlich kostet, dies zu produzieren.

Alles andere führt meiner Meinung nach zu noch mehr Verwirrung.

Nur als Beispiel: Dank der Tags wie „recycelt“, die ja auf vielen Kleidungsstücken schon zu finden sind, denken viele Kund:innen, dass ganzheitliches Textilrecycling schon funktioniert. Diese Annahme begegnet mir in meinem Alltag im Shop jeden Tag. Tatsächlich scheinen Kund:innen aufgrund der Kommunikation der Bekleidungsbranche zu denken, dass die Technologien schon viel weiter sind, als das eigentlich der Fall ist.

3. Ich glaube, ITSAPARK ist nicht wirklich an einem echten Austausch interessiert.

Obwohl ITSAPARK seit 2020 in der Mache war und im Mai 2021 gelauncht hat, kannten drei der vier Leute, mit denen ich geredet habe, die Plattform NEW NORMAL nicht und man hatte in der Pre-Launch-Phase wohl auch keinen Kontakt zu ihnen aufgenommen. Kurz nach dem ITSAPARK Launch hat NEW NORMAL, die eine sehr ähnliche Plattform zu ITSAPARK hatten, verkündet, ihr Konzept einzustellen. Ich vermute, dass potenzielle Geldgeber und eventuell sogar die Gründer wohl keine Chance gegen H&M sahen.

Das Argument von Elke, man sehe keine Konkurrenten, sondern nur potenzielle Partner und Kooperationen in der Branche, halte ich daher eher für einen Wunsch als für Realität. Wer als Start-up mit 30 Leuten startet und zum Launch ganz Berlin mit Wildpostings plakatiert, hat finanziell eine Power, die kleine Start-ups einfach weghauen kann, ohne eventuell zu merken, dass sie überhaupt da waren. Wenn ITSAPARK der Austausch, vor allem in Berlin, wie sie sagen, so wichtig ist, hätten sie meiner Meinung nach im Vorfeld mit Leuten vor Ort reden sollen, wie mit Cherie von „Sustainable Fashion Matterz“ oder mit den Gründerinnen von den „Fashion Changers“, anstatt Marken wie NU-IN zu onboarden.

4. Und für mich am wichtigsten: Warum hat mich ITSAPARK gerade jetzt angesprochen und nicht schon vorher?

Die Agenda scheint für mich ziemlich klar: ITSAPARK braucht die Produkte vom Rebound Stuff Shop gerade jetzt, da es in der Pre-Owned-Home-Kategorie wenig diverses Angebot gibt. Bei ITSAPARK ist das Sortiment nach sechs Monaten noch sehr überschaubar. Auf meine Frage, wieso sie nicht mehr Produkte von Sellpy (eine Plattform, in die H&M stark investiert hat) aufnehmen, antwortete man, es gebe da noch das eine oder andere technische Problem. Dank dieser Antwort nehme ich auch an, dass sie mich zwar jetzt brauchen, Rebound Stuff in den nächsten Monaten aber durch die Sellpy-Produkte leicht zu ersetzen ist.

Ich persönlich möchte die Preise für Kunden nicht teurer machen, um H&M / ITSAPARK & Tipser (der Tech-Plattform hinter ITSAPARK) etwas abzugeben. Jedes Label, das via ITSAPARK verkauft, hat einen eigenen Shop, in dem man die gleichen Produkte bestellen kann, ohne dass H&M daran mitverdient. Ich denke nicht, dass H&M über den Verkauf meiner Produkte Daten sammeln und etwas daraus lernen muss, um es eventuell später für eigene Zwecke zu nutzen.